bald sind wir wieder soweit…

Wie ein Kommentar im Lawblog zeigt, ist altes Gedankengut wieder hochaktuell:

Mein Model [sic!] wäre es, die Kinder von sozial schwachen bekommen 3 Mahlzeiten im Kindergarten / Schule. (So ist sichergestellt, daß die was zu essen bekommen, und nicht wie in Deutschland ab und an geschieht, auch noch das Kindergeld versoffen wird)
Die Erwachsenen dürfen jeden Morgen bei einem Amt antreten, und bekommen eine Aufgabe zugewiesen. Und bekommen hierrüber einen Zettel, wo genau drauf steht, was zu tun ist. Und unten zwei Kästchen, Aufgabe erfüllt, und Aufgabe sehr gut erfüllt.
Ist die Aufgabe erfüllt, gibt es Essensmarken, und das Essen für den Tag ist gesichert. Ist die Aufgabe sehr gut erfüllt, gibt es auch noch Euros.
Wird die Aufgabe nicht erfüllt gibt es nix. Wenn derjenige dann hungernd zu bett geht, wird er sich überlegen, ob er sich am nächsten Tag nicht doch sein Essen verdienen will.

„Das Asozialenproblem ist äußerst dringlich geworden und bedarf einer baldigen und umfassenden Lösung. Die bestehenden Bestimmungen des Fürsorgerechts, des Arbeitseinsatzes und der polizeilichen Vorbeugungshaft reichen hier nicht aus. Die Asozialen müssen entweder einer produktiven Tätigkeit zugeführt werden oder soweit dies nicht möglich ist, durch geeignete Unterbringung an weiterer Belastung der Allgemeinheit gehindert werden.“

[Entwurf des Reichsminister des Innern vom 10.05.1940]

„Die feste, klare Ordnung, die den gesamten Tagesablauf beherrscht, läßt im Zögling nie das Gefühl der Langeweile aufkommen und bürgt für eine gesunde Müdigkeit am Abend.“

Lotte Toberentz, Lagerleiterin des Konzentrationslager für Mädchen “Uckermark“, (1945) im Mitteilungsblatt des Reichskriminalpolizeiamtes (RKPA), S.623

[die beiden letzten Zitate stammen aus dem Ausstellungskatalog der Ausstellung über das ehemalige Konzentrationslager für Mädchen und junge Frauen und spätere Vernichtungslager Uckermark - via stop1984.com]

Nun kann man den o.g. Kommentar zwar als Stammtischgefasel abtun, aber leider bemühen sich immer mehr Politiker, uns vorschreiben zu wollen, wer sozial und gut ist und wer demgegenüber nur ein Parasit und wohl auch Asozialer ist. Der o.g. Katalog enthält einen interessanten Abriß über die Sozialpolitik in der Weimarer Republik, in der schon frühzeitig ein sogenanntes Reichsbewahrungsgesetz geplant war, das sowohl konservative Kreise als auch Vertreter der SPD und der Arbeiterwohlfahrt unterstützten. Die Rolle der späteren SPD-Abgeordneten Helene Wessel als eine der führenden Theoretikerinnen der Sozialpolitikist ist dabei besonders interessant, da sie ähnliche Ziele wie in der Weimarer Republik und während der Nazi-Zeit auch in der BRD verfolgte.

5 Kommentare

  1. Hartz4all » Säuberung des öffentlichen Raums  am 15/1/06 um 12:59

    [...] Die zenzizenzizenzic armee fraktion klärt auf, um wes Geistes Kind es sich bei derartigen Forderungen handelt: „Das Asozialenproblem ist äußerst dringlich geworden und bedarf einer baldigen und umfassenden Lösung. Die bestehenden Bestimmungen des Fürsorgerechts, des Arbeitseinsatzes und der polizeilichen Vorbeugungshaft reichen hier nicht aus. Die Asozialen müssen entweder einer produktiven Tätigkeit zugeführt werden oder soweit dies nicht möglich ist, durch geeignete Unterbringung an weiterer Belastung der Allgemeinheit gehindert werden.“ [...]

  2. Arno Nyhm  am 16/1/06 um 00:41

    > Nun kann man den o.g. Kommentar zwar als Stammtischgefasel abtun, aber leider
    > bemühen sich immer mehr Politiker, uns vorschreiben zu wollen, wer sozial und gut
    > ist und wer demgegenüber nur ein Parasit und wohl auch Asozialer ist.

    Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe von Menschen, die sich in der Alimentierung durch die Solidargemeinschaft erträglich (zumindest für sie selbst, wohlgemerkt) eingerichtet haben. Es ist daher eine durchaus diskussionswürdige Frage, ob die Gemeinschaft ihre Unterstützung nicht besser auf jene fokussiert, die auch wirklich bedürftig sind. Dazu muß man natürlich die “echten” Bedürftigen von jenen unterscheiden, deren Bedürftigkeit sich insbesondere auf ihrer Antipathie gegen Arbeit gründet.

    Keine Frage: wenn jemand nicht arbeiten will, ist das kein Problem — dann soll er natürlich nicht zur Arbeit gezwungen werden. Aber er hat auch keinen Anspruch darauf, von der Solidargemeinschaft alimentiert zu werden. Immerhin wird das, was den Alimentierten da gegeben wird, zunächst von den Mitgliedern der Gemeinschaft im Schweiße ihres Angesichts erwirtschaftet, und ihnen dann in Form von Steuern und Sozialabgaben abgepreßt.

  3. somlu  am 17/1/06 um 13:33

    ” Es ist daher eine durchaus diskussionswürdige Frage, ob die Gemeinschaft ihre Unterstützung nicht besser auf jene fokussiert, die auch wirklich bedürftig sind. Dazu muß man natürlich die “echten” Bedürftigen von jenen unterscheiden, deren Bedürftigkeit sich insbesondere auf ihrer Antipathie gegen Arbeit gründen.”

    Das ist Stammtischgelaber, das “auf die Brust schlagen”, der Noch-ArbeitsplatzinhaberInnen, um ihre Angst vor dem sozialen Abstieg zu kompensieren. Die “wirklich” Bedürftigen, wer oder was soll das sein, Menschen, die sich jahrelang beworben haben und inzwischen sich tatsächlich mit ihrer Situation einrichten, weil sie am eigenen Leib erfahren haben, dass es eine Lüge ist, zu behaupten, dass wer arbeiten will, auch Arbeit findet? Oder der Depressive, der den ganzen Tag sein Elend vor der Glotze verdrängt und für Bekannte und Verwandte als faul identifiziert wird. Oder der rebellische, den der Umgang mit seiner Person (schönes Beispiel habe ich selbst erfahren, “Sie haben nichts zu wollen, nur zu möchten, mehr davon in meinem Blog) nicht mehr erträgt und lieber betteln geht, als sich den letzten Rest seiner Würde nehmen zu lassen?
    Welche Anmaßung in einem Land, dass zu den reichsten der Erde gehört, sich alles auf die 3% sogenannter tatsächlicher Leistungsmissbraucher (so heißt es, Quelle ist mir grad nicht präsent) fokussiert und damit Mitgefühl und Solidarität auf den Müll der Geschichte wirft.

    So what, vielleicht hilft der sogenannte Arbeitsverweigerer in seiner Nachbarschaft den alten Damen beim Tüteschleppen oder der resignierte Arbeitslose seinem Nachbarkind bei den Hausaufgaben und kocht auch mal, weil die alleinerziehende Mutter jenes Kindes zwei Jobs macht, um über die Runden zu kommen? Arbeit ist nicht immer Erwerbsarbeit, die Reduzierung des Einzelen auf einen einzigen Wert, dem als Arbeitsplatzinhaber, ist erbärmlich.

  4. zenzizenzizenzic  am 18/1/06 um 17:34

    Die alte christliche Forderung “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen” schwirrt leider immer noch in vielen Köpfen rum. Nur weil Paulus das angeblich vor Jahrtausenden mal gesagt hatte.
    Wie man die “wirkliche Bedürftigkeit” allerdings feststellen will, ist mir auch nicht klar. Wären Kranke, Kinder und Alte, die meist nicht arbeiten, dann “wirklich bedürftig”? Was ist mit Künstlern, Schriftstellern, Musikern? Ist das noch Arbeit? Einen wirtschaftlichen Gewinn machen die wenigsten damit. Und was ist mit Hausarbeit wie waschen, kochen, aufräumen? Oder die von Somlu erwähnten Beispiele? Für Herrn Nyhm scheint nur das Arbeit zu sein, was sich in Heller und Pfennig ausdrücken läßt und irgendjemandem (nicht unbedingt dem Arbeitenden selbst) einen Mehrwert bringt.

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