Sheet Music

Vor über zwei Jahren hatte ich an dieser Stelle schon einmal einige Titelbilder von US-amerikanischen Notenblättern gezeigt. Bei einer Bildersuche stieß ich neulich auf die Sheet-Music-Sammlung der Indiana University, die sich als wahre Fundgrube für alte Notenblätter entpuppte.
Wer dachte, populäre Musik wie in Popmusik wurde erst mit der massenhaften Verbreitung von Schallplatten industriell verwertet und vermarktet, täuscht sich. Denn Sheet Music und die Musikverlage, die vielfach in New Yorks westlicher 28. Straße zwischen Broadway und Sixth Avenue ansässig waren (Tin Pan Alley), waren eine Art Vorläufer moderner Musikvermaktung. Ähnlich wie heutzutage die Musikindustrie durch neue Technologien unter Druck gerät, war Tin Pan Alley mit dem Erfolg der Schallplatte und dem Aufkommen von Rock’n'Roll in den 1950ern ein auslaufendes Dinosauriergeschäftsmodell.
Und auch eine Diskussion um eine drastische Ausweitung des Urheberrechts ist nicht so neuartig, wie man glauben mag.
Der Aufstieg der Musikverlage begann in den 1890ern, z.B. wurden von Charles Harris’ After The Ball sechs Millionen Notenblätter verkauft.
Zwar begann Emile Berliner schon 1889 mit dem Verkauf von Platten in Europa und seit 1892 in den USA (United States Gramaphone Company) mit dem seither bekannten Durchmesser von 7″ für eine Single-Schallplatte. Davor gab es nur den Phonographen und im Vergleich zur Platte recht zerbrechliche zylinderförmige Walzen zur Aufzeichnung des gesprochenen oder gesungenen Wortes [alte Zylinderaufnahmen findet man u.a. bei tinfoil.com und beim Cylinder Preservation and Digitization Project]. Entsprechend teuer waren die frühen Tonträger. Im Juni 1904 kostete z.B. eine von Bill Murray gesungene Plattenaufnahme von Meet Me In St. Louis, Louis (Columbia 1792) einen US-Dollar. Wachswalzen wurden 1904 allerdings schon für rund 25 US-Cent pro Stück verkauft (was günstiger als ein Notenblatt ist, das ab 50 US-Cent je Song zu erwerben war). Laut measuringworth.com entspricht 1 US-Dollar von 1904 einem Wert von 23,36 US-Dollar, wenn man den CPI (Consumer Price Index) zugrundelegt. Zum Vergleich: das Jahreseinkommen eines Arbeiters in den USA betrug zur der Zeit unter 500 US-Dollar. Vergnügungen oder neudeutsch Entertainment war damals in den USA vor allem etwas für die Mittelklasse und Oberschicht.
Frühe Tonaufzeichnungen waren aber qualitativ wenig überzeugend (so existieren z.B. kaum frühe Aufnahmen von Frauen, da besonders hohe Stimmlagen nicht adäquat reproduziert werden konnten), so daß sich Notenblätter noch relativ lange großer Beliebtheit erfreuten. Hinzu kommt, daß es damals für die Mittelschicht zum guten Ton gehörte, Noten lesen und ein Instrument spielen zu können. Sinkende Klavierpreise und steigende Klavier-Verkaufszahlen im ausgehenden 19. Jahrhundert taten ein übriges, um Sheet Music zu einem lukrativen Geschäft werden zu lassen.
Wie man an den mal mehr, mal weniger üppig gestalteten Covern sehen kann, wurde schon damals auf optische Kaufreizen gesetzt.
Ich habe hier einige Titelbilder rausgesucht (und etwas begradigt, zurechtgeschnitten und farblich aufgefrischt), deren Titel und oder Abbildungen mir interessant erschienen.
(Da einige doch recht viele sind, geht es ausnahmsweise nach dem Klick auf alles lesen weiter.)
Damals wurde der Orient noch nicht als Bedrohung wahrgenommen, sondern man hing (auch verstärkt durch Hollywood-Filme wie z.B. The Sheik, The Son Of The Sheik (mit Rudolph Valentino) oder The Arab mit Ramon Navarro (Jahre später gab’s übrigens eine vertonte Variation mit Myrna Loy und Ramon Navarro [The Barbarian]) an der romantischen Vorstellung von Tausend und Einer Nacht.
Ein gutes Beispiel ist Rebecca Came Back From Mecca, das nebenbei auch noch zeigt, daß frau auch in den 1920ern schon progressiv sein konnte.

Rebecca Came Back From Mecca
(Bert Kalmar & Harry Ruby)Across the street from where I live
There is a girl and her name is Rebecca.
She’s twenty-three.
She saw an Oriental show
And so decided she would go
To Mecca
Across the sea.
She sailed away one day
For Turkey, far away
And she lived in the Sultan’s den.
She stayed about two years
Got full of new idears
And now she’s back home again.
Since Rebecca
Got back from Mecca
All day long she keeps on smoking Turkish tobecca.
With a veil upon her face
She goes dancing round the place
And yesterday her father found her
With a Turkish towel around her.
Oh! Oh! Everyone’s worried so.
They think she’s crazy in the dome.
She’s as bold as Theda Bara
Theda’s bare but Becky’s barer
Since Rebecca got back home.In Mecca, where the nights are hot
Rebecca got an awful lot
of learning.
She certainly did.
She goes to sleep when shadows creep
And has to keep
A bowl of incense burning.
Some classy kid.
Her mother feels so sad.
Her brother Moe is mad
And keeps on complaining so.
To satisfy her whim
She keeps on calling him
“Mohamed” instead of “Moe”.Since Rebecca
Came back from Mecca
All day long she keeps on smoking Turkish tobecca.
She lays on a Persian rug.
Everyone says she’s a “bug”.
And since she got back from the harem
She’s got clothes, but she don’t wear them.
Oy! Oh! Everyone’s worried so.
She made the Sultan loose his throne.
Once, her little sister Sonia
Wore her clothes– and got pneumonia!
Since Rebecca came back home.
Theda Bara (She’s as bold as Theda Bara/ Theda’s bare but Becky’s barer) ist eine heute kaum noch bekannte Stummfilmschauspielerin, die - wie man an der Erwähnung in einem Songtext ablesen kann - seinerzeit sehr bekannt war.
Rebecca Came Back From Mecca wurde übrigens letztes Jahr von Janet Klein & Her Parlor Boys aufgenommen; Janet und ihre Jungs haben sich zum Ziel gemacht, alte Musik aus den 1920/30ern wieder zu Gehör zu bringen. (Einen Ausschnitt gibt’s z.B. bei Cdbaby zu hören. Bei Youtube finden sich einige Videos und natürlich gibt’s noch janetklein.com.)
Auch Afghanistan oder der Iran waren damals noch nicht das personifizierte Böse.


Eine Abbildung von Mohammed führte auch noch nicht zu einem wilden Streit.

Und Google ist kein Wort unserer Zeit, vor der Suchmaschine gab es schon Barney Google.

Sheet Music wurde aber - ähnlich wie Tonträger unserer Tage - zur Promotion von Filmen verwendet bzw. die Filme wurden genutzt, um bestimmte Songs populär zu machen. That Wonderful Something (Is Love) aus dem MGM-Film Untamed von 1929 mit Joan Crawford ist ein Beispiel.

Auch Cartoons wurden gern genutzt, um Notenblätter zu verkaufen. So wird der Song You’re Driving Me Crazy (What Did I Do) 1931 im Bimbo-Talkartoon Silly Scandals sowie ebenfalls im von Max und Dave Fleischer 1931 produzierten Screen-Songs-Cartoon You’re Driving Me Crazy (den es hier zum Download gibt) verwendet.

Einige Titel früherer Musikstücke offenbaren einen etwas seltsamen Humor oder vielleicht haben sich die Zeiten doch so geändert, daß man frühere Komplimente und Bezüge zu Ölkannen und Bungalows nicht mehr versteht. Ich denke aber, daß You May Be The World To Your Mother (But You’re Only An Oilcan To Me) schon immer eine nette Gehäßigkeit war.

Bei You’re Just The Type For A Bungalow bin ich mir allerdings nicht so sicher. Immerhin gibt es Personen, die sich freiwillig häßliche Bungalows zulegen. Für diesen Personenkreis ist so etwas sicher eine positive Bemerkung.

Manche Titel gemahnen doch eher an Kinderlieder wie In The Land Of Plankity Plank.

Etwas naiv erscheint mir auch Where The Bamboo Babies Grow.

Neben der schon erwähnten Schwärmerei für den Orient wurden aber auch andere ethnische Gruppen mit Songs bedacht, sei es nun Italiener, Südseeschönheiten, Chinesen oder Afro-Amerikaner, die oft stereotypisiert in Minstrel Shows von Weißen (wie z.B. von Eddie Cantor oder Al Jolson, wie man z.B. in The Jazz Singer, einer der ersten Tonfilme, sehen und hören kann) gespielt wurden.





Da populäre Musik auch ein Spiegel der Zeit ist, aus der sie stammt, wurden auch Songs über den Krieg und dessen Folgen geschrieben wie z.B. Break The News To Mother.

Und selbst Kapitalisten können ob ihrer Profite den Blues bekommen: I’ve Got The Profiteering Blues.

Modernste technische Errungenschaften wurden in den Songs behandelt. So ist z.B. Hello! My Baby, komponiert vom Ehepaar Joseph E. Howard and Ida Emerson, von 1899 einer der ersten Popsongs, der das Telefon erwähnt. 1902 ist sogar schon vom schnurlosen Telefon (wireless telephone) die Rede und 1922 fordert man Kiss Me By Wireless.


Elektrizität war einfach toll und erst recht elektrische Mädchen.

Natürlich gab’s auch genügend Songs, die von zwischenmenschlichen Notständen handeln, manche stellten nur einfach fest, daß man ganz sicherlich verliebt sei, während andere das abhandeln, was man heute eher in der Fetischabteilung findet (I Want To Be Loved Like A Baby).


Andere wiederum waren allzeit bereit, um zumindest am Telefon zu flirten, selbst wenn der Gesprächspartner sich verwählt haben sollte. Mit manchen möchte man aber angesichts der abgebildeten, verkniffenen Fratzen lieber gleich gar nicht flirten. Am Telefon bleibt einem glücklicherweise der Anblick sowieso erspart.


Manche Cover sehen einfach nur schmuck aus wie It’s A Lotta Bologny, Witch’s Whirl Waltzes oder Salvation Army Girl mit einem Mädel, das so gar nicht nach Heilsarmee aussieht.



Die Krauts (aka Deutsche) bekommen natürlich auch ihr Fett weg mit den Krachern We’ll Knock The Heligo Into Heligo Out Of Heligoland, was allein schon beim Lesen als Zungenbrecher erscheint, ich würde zu gern mal eine Aufnahme dieses Songs hören. We’re Going To Take The Germ Out Of Germany ist natürlich gemein, würde das Land dann nur noch Any heißen.


Lewis Carrolls Gedicht Jabberwocky mußte 1921 als Inspiration für einen Song von James Brockman, Lew Brown, James Kendis, Ted Eastwood und Louis Weslyn herhalten.

Zu Old Man Jazz und Long Lost Mamma sage ich jetzt mal nichts.


Und dann waren da noch ein paar merkwürdige Notenblätter mit Songs über den Ku Klux Klan



Weitere Links zum Thema und Quellen, die beim Schreiben des Artikels hilfreich waren:
http://community.mcckc.edu/crosby/tinpan.htm
http://www.songwritershalloffame.org/era_overview.asp?eraId=2
http://www.proculture.com/ragtime1.htm
http://people.eku.edu/nelsonl/mus273/tinpan.html
http://meltingpot.fortunecity.com/zaire/721/history/tin.htm
http://web.archive.org/web/20060821060407/http://www.garlic.com/~tgracyk/century.htm
http://www.geocities.com/Cag03/NovRebec.html
http://library.duke.edu/music/sheetmusic/collections.html
http://scriptorium.lib.duke.edu/sheetmusic/browse.html





