Die sozialpolitische Dimension der Wurst des Volkes (aka Linktipps - Mittwoch, 16. Januar 2008)

Bis mir was besseres einfällt, um der Blogmidlifecrisis zu entkommen, mache ich einfach mal weiter mit den kommentierten Linktipps.


Endlich setzt sich die Bundesregierung für echte Demokratie bei den Überwachungsmaßnahmen ein:

Bisher war im Gesetzentwurf vorgesehen, dass das BKA die Telefone und Räume von Abgeordneten, Pfarrern und Strafverteidigern generell nicht abhören darf. Auch eine Onlinedurchsuchung wäre, falls sie eingeführt wird, bei diesen im Grundgesetz besonders geschützten Berufsgruppen tabu gewesen. Erkenntnisse über solche Berufsgeheimnisträger hätten, wenn sie etwa bei der Überwachung anderer Personen angefallen wären, sofort gelöscht werden müssen. Für sonstige Rechtsanwälte sowie für Ärzte, Journalisten und Drogenberater wäre zwar kein absoluter Schutz, aber immerhin eine besonders intensive Verhältnismäßigkeitsprüfung vorgesehen gewesen, wie in der Strafprozessordnung auch.
Das alles soll jetzt nicht mehr gelten, wenn die Überwachung “zur Abwehr einer Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit einer Person” erforderlich ist. Die Einschränkung ist minimal, denn die neuen Befugnisse im BKA-Gesetz dienen ja gerade der Abwehr von Gefahren des internationalen Terrorismus, der üblicherweise “Leib, Leben oder Freiheit” bedroht. Faktisch wird der Schutz der Berufsgeheimnisträger hier fast in vollem Umfang wieder zurückgenommen.

Ich fand ja schon immer, daß diese Bevorzugung bestimmter Berufsgruppen dem Gleichheitsgrundsatz widerspricht. Allerdings hätte ich mir die korrekte Umsetzung eher andersrum vorgestellt. Nämlich, daß man die Überwachungsbefugnisse ganz abschafft. Bezeichnend ist auch die besonders intensive Verhältnismäßigkeitsprüfung. Im Umkehrschluß heißt das dann, daß eine Überwachungsmaßnahme für Hinz und Kunz, die leider das Pech haben, keiner schützenswerten Berufsgruppe anzugehören, nicht intensiv auf die Verhältnismäßigkeit geprüft wird. Dabei ist die Verhältnismäßigkeitsprüfung bzw. der Richtervorbehalt eh ein Hohn.

[via heise.de]


Der fragwürdige Verein Foodwatch spricht einmal mehr den Verbrauchern jegliche Mündigkeit ab und plädiert diesmal in Form des Gründers Thilo Bode für die Einführung einer Ampel-Kennzeichnung auf Lebensmitteln.

Wenn ich im Supermarkt eine Wurst kaufe, muss ich schnell Qualitäten erkennen und vor allem vergleichen können und will wissen, was ist das für ein Produkt. Da kann ich keine langen Beipackzettel lesen. Grundvoraussetzung ist das Recht der Verbraucher, sich bei Herstellern und Behörden informieren zu können. Dann hätten die vielen Werbelügen und Irreführungen der Hersteller schnell ein Ende. Bei der “Biene Maja” haben wir den Hersteller gefragt, welche Aromen verwendet werden. Da wurde uns geantwortet, wir sollten uns doch bitte an die Aromenindustrie wenden. Das ist Steinzeit!

Eine Rot-Gelb-Grün-Kennzeichnung eines Lebensmittel ermöglicht eben keinen schnellen Vergleich der Qualität eines Lebensmittels, genauso wenig wie die jetzt schon meist angegebenen Nährwerte (Protein, Kohlenhydrate, Fett, Joule/Kalorien) auch nur etwas über den Nährwert und Energiegehalt der Lebensmittel aussagen. Die Qualität erkenne ich nur, wenn ich mir die Zutatenliste und ggf. weitere Informationen des Herstellers durchlese. Denn dort steht z.B. ob die Schokolade Lecithin als Emulgator enthält und damit eher minderwertig ist, da Lecithinzugabe eine Verkürzung des Conchiervorgangs erlaubt. Dort steht auch, ob echte Vanille als Aroma eingesetzt wurde oder billiges Vanillin. Oder ob die Zutaten Bioprodukte sind und ggf. woher die Einzelzutaten stammen etc.

Und Steinzeit ist es nicht, wenn der Hersteller eines Produkts an die Aromenindustrie verweist. Das ist vielmehr industrielle Arbeitsteilung. Die meisten Aromen stammen nun einmal von Dragoco und anderen Herstellern aus Holzminden. Und da diese Aromencocktails meist speziell für ein bestimmtes Produkt kreiert werden, die dann als Rezepturgeheimnis gelten, wird man selten eine zufriedenstellende Antwort als Verbraucher erhalten. Da bleibt eben nur der Konsumverzicht, wenn ein Unternehmen nicht, nicht ausreichend oder nicht in einer angemessen Zeitspanne antwortet. Und natürlich besteht immer die Möglichkeit, Alternativen zu kaufen. Oder gar seinen Joghurt selbst aus Naturjoghurt und z.B. selbstgemachter Konfitüre anzurühren.

Fragwürdig finde ich an dem Verein Foodwatch z.B. - neben des angelsächsichen Namens - auch Aktionen wie gegen Gentechnik bei McDonald’s. McDonald’s braucht also nur die Verfütterung gentechnisch veränderten Futtermittel zu stoppen, um eine Absolution dieses Vereins zu erhalten und der bisher besorgte Bürger kann dann wieder sorgenfrei sein Fleisch im Labberbrötchen dort konsumieren, ohne sich Gedanken um die anderen ökologischen Verfehlungen von McDonald’s zu machen. Das ist prima. Genauso prima wie überflüssige Aktionen zu Acrylamid oder Cumarin, die für mich eher den Anschein haben, daß man mittels durch die Medien aufgebauschter Lebensmittelpseudoskandale sehr gut Spenden akquirieren kann. Mit diesen Spenden kann man dann wiederum unsinnige Aktionen gestalten und auf der Webseite für ein Buch des Gründers werben. Und ansonsten kann man noch werbewirksam eigene Rechenfehlleistungen in der Presse verkünden.

Interessant ist auch, daß Foodwatch in seinem Aussagen zum Datenschutz mit keinem Wort erwähnt, daß Google Analytics zur Auswertung der Besucherdaten der Webseite zum Einsatz kommt und daß somit die beim Besuch der Seite erhobenen Daten wie IP, verwendeter Browser und das Betriebssystem in die USA übertragen werden.


In der Schweiz herrscht demnächst ein Mangel an Zebu-Rindsdärmen, die aus Brasilien importiert wurden, nun aber aufgrund von EU-Regelungen, die von der Schweiz übernommen wurden, zum Schutz vor BSE nicht mehr importiert werden dürfen. Das ist natürlich ein schönes Beispiel, wie ein eigentlich neutraler, unabhängiger Staat aus wirtschaftlichen Gründen Teile seiner Souveranität abgibt. Desweiteren führt dieser Fall der möglichen Verknappung der Schweizer Cervelatwurst aber auch zu schönen Stilblüten:

Ich kann mir die Schweiz ohne Original-Cervelat eigentlich gar nicht vorstellen. Auch weil sie eine sozialpolitische Dimension hat, setze ich mich für diese Wurst des Volkes ein.

Schweizer Rindsdärme haben angeblich einen zu großen Durchmesser und Schweinsdärme sind zu teuer. Ich frage mich allerdings, wie man in der Schweiz Cervelatwurst hergestellt hat, als es noch keine Importdärme aus Brasilien gab.

6 Kommentare

  1. Besitzstandswahrer  am 16/1/08 um 17:42

    Zur Wurst-Ampel fällt mir ein was ich neulich bei boingboing gelesen habe: “Einfach mal nur Gemüse vom Rand der Gemüse-Theke essen. Oder nur das essen, wovon man glaubt das es nur die Großmutter gegessen hat.” Dem füge ich “einfach auf sich selbst hören und mal das essen was man will” hinzu…

  2. Zenzizenzizenzic Armee Fraktion  am 16/1/08 um 18:58

    Also ich würde ja eher Gemüse aus der Mitte der Gemüse-Theke nehmen…am Rand ist das sicher schon eingetrocknet (falls Sie da jetzt so eine Kantinen-Gemüse-Theke mit schon kleingeschnittenem Gemüse meinen, Herr Tony.).

    Vielleicht sollte man noch ein paar Generation zurückgehen…meine Groß- und Urgroßeltern lebten auch schon im Zeitalter der Industrialisierung. Die ganze Fabrikfertignahrung wurde ja eigentlich nur geschaffen, damit der Mensch sich am Arbeitsplatz besser ausbeuten lassen kann und nicht unnötig Zeit mit der Nahrungszubereitung verbraucht.

    Und auf das hören, was einem der eigene Körper mitteilt, sollte man eh immer. Nur viele haben das wohl verlernt…da hängt man z.B. stundenlang vorm Computer, obwohl man eigentlich schon lange schlafen wollte (Schauen Sie jetzt bloß nicht nach, wie viele Einträge hier weit nach Mitternacht geschrieben wurden…). Vom Essen gar nicht zu reden. Wenn man einen Widerwillen gegen bestimmte Lebensmittel verspürt, dann sollte man gar nicht erst krampfhaft versuchen, diese in Massen zu verzehren, nur weil diese als gesund gelten. Diese Abneigung hat oft den Grund, daß der Körper dieses Lebensmittel gar nicht adäquat metabolisiert. Die ganzen Ernährungsempfehlungen mögen zwar für den statistischen Durchschnittsbürger sinnvoll sein, aber für den einzelnen Menschen betrachtet gibt es da oft erhebliche Unterschiede im Metabolismus.

  3. ben  am 16/1/08 um 19:10

    aber herr zaf! (recht hamse ja, aber)
    wo kämen wir denn hin, wenn jeder könnte wie er wollte! es geht ums prinzip!

    (das sollte man mal auseinandernehmen: das führerprinzip in der ernährungsberatung unter beachtung der religiösen elemente)

    oder einfach alles streichen und: hurra! herr zaf terrorisiert das internet!

  4. henteaser  am 16/1/08 um 23:44

    In meinem Stamm-Supermarkt ertönt ab und an mal eine Durchsage, die etwa so lautet: “Achten Sie bei Ihrem Fleisch-Kauf auf das Dingsbums-Qualitätssiegel. Denn nur das garantiert beste Qualität.”

    Warum zum Geier sollen die Endverbraucher da drauf achten? Die sollen ihren Kunden mal lieber von vornherein nur hochwertige Produkte in die Regale stellen.

  5. Zenzizenzizenzic Armee Fraktion  am 17/1/08 um 11:27

    Ob man angesichts des völlig deregulierten und liberalisierten Marktes der Ernährungsberatung (es gibt ja fast für jede Vorliebe ein entsprechend pseudowissenschaftlich belegtes Diät- bzw. Ernährungsprogramm - ob nun vegan, vegetarisch, Adkins-Diät, Ananas-Diät, Chipsdiät etc.) wirklich von einem Führerprinzip sprechen kann, Herr Ben? Dieser Bereich ist ja fast noch fragmentierter als der Bereich der Religionen. Nicht umsonst spricht man auch von Ernährungspäpsten. Scharlatanerie ist aber meist beides.

    Es gibt aber schon das eine oder andere Qualitätssiegel, Herr Henteaser, das mir sinnvoll erscheint. Das sind aber meist welche aus dem Biobereich, die nicht mit allzu platten Aussagen daherkommen. Und Qualität ist ja eh, wenn eins wie das andere schmeckt…ich erinnere mich da an die Heimweinverkostung in dem Loriot-Sketch mit dem Heinzelmann, der saugende und blasende Staubsauger.
    Aber ich empfehle Ihnen, den Supermarkt zu wechseln. Werbedurchsagen beim Einkaufen sind ähnlich unerträglich wie Zwangsmusikberieselung. Letzteres sollte es nur in Plattenläden geben.

  6. ben  am 17/1/08 um 20:59

    ;)

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