Der Verbraucher will betrogen werden

Es ist doch zu lustig, wie sich selbsternannte Verbraucherschützer über sogenannte Lebensmittelimitate aufregt. Sicher, manches ist von der Bezeichnung und vom Packungsbild auf den ersten Blick eventuell irreführend (wobei ich mir sicher bin, es steht beim Packungsbild irgendwo ganz klein “Serviervorschlag”), ein Blick auf die genauere Beschreibung des Herstellers und vor allem die Zutatenliste zeigt aber schnell, ob namensgebende Bestandteile des Produkts wirklich enthalten sind.

Dem ehemaligen Nachrichtenmagazin ist das nun einen Artikel wert gewesen, denn wie beim großen Vorbild Bild weiß man dort, daß sich Panikartikel am besten verkaufen. Dazu gibt’s natürlich noch eine Photoklickstrecke - und einen Text, den man nicht wirklich ernst nehmen kann. So wird z.B. aus der Verbraucherzentrale Hamburg die Verbraucherschutzzentrale Hamburg.

Die Lebensmittelexperten haben gezielt verschiedene Nahrungsmittel analysiert und kommen zu einem verheerenden Ergebnis: Immer mehr Anbieter sparen bei ihren Produkten an den Originalzutaten und verwenden stattdessen billigere Ersatzstoffe.

Die Analysen scheinen vor allem aus einem Studium der Zutatenliste bestanden zu haben, wenn man sich so manche Dokumente der Verbraucherzentrale Hamburg anschaut. Unter Analysen im Lebensmittelbereich stelle ich mir doch eingehendere Labor-Untersuchungen vor wie z.B. ob ein natürliches Vanillearoma nun aus echten Vanille-Kapselfrüchten stammt oder nur im Fermenter durch Mikroorganismen erzeugt wurde.

Anstelle einer echten Surimi-Garnele erhält der Kunde im Handel unter Umständen gepresstes Fischeiweiß in Garnelenform.

Surimi ist immer zerkleinerter Fisch. Eine echte Surimi-Garnele hat also nichts mit einer echten Garnele zu tun und ist immer ein Imitat!
Die Leitsätze für Fisch, Krebse und Weichtiere und Erzeugnisse daraus definieren Surimi wie folgt:

I.
Allgemeine Beurteilungsmerkmale
A. Begriffsbestimmungen für Fische und Fischerzeugnisse
j) Surimi ist zerkleinertes, mit Wasser gewaschenes Fischmuskelfleisch ohne Faserstruktur2

2Tiefgefrorenes SURIMI ist die übliche oder gebräuchliche Bezeichnung des Fischeiweißerzeugnisses zur weiteren Verarbeitung, das durch Köpfen, Kehlen und Reinigen des frischen Fisches sowie mechanisches Abtrennen des eßbaren Muskels von Haut und Gräten entstanden ist. Der zerkleinerte Fischmuskel wird dann gewaschen, ausgepreßt, entwässert, mit zur Gefrierstabilisierung dienenden Zusatzstoffen vermischt und anschließend tiefgefroren.

N. Erzeugnisse aus Surimi

1. Begriffsbestimmung

Aus Surimi (I A Nr. 4 j) werden unter Verwendung von Bindemitteln, Zucker, Aromastoffen, auch anderer Zutaten einschließlich Zusatzstoffen, durch Formung oder faserige Strukturierung Fischzubereitungen (z.B. Stäbchen, Stücke/Stückchen oder Imitate von Krebstier- oder Weichtiererzeugnissen) hergestellt. Sie werden in Packungen tiefgefroren, auch durch Erhitzen haltbar gemacht.

2. Bezeichnung

Surimi, Fischzubereitung aus Fischmuskeleiweiß.
Werden Krebstier- oder Weichtiererzeugnisse nachgemacht, lautet die Verkehrsbezeichnung Surimi … -Imitat (z. B. Krebsfleisch-, Crabmeat-, Garnelen-, Shrimps-, Tintenfisch-) aus Fischmuskeleiweiß geformt. Erfolgt eine weitergehende Zubereitung, werden die Beurteilungsmerkmale bei den entsprechenden Fisch-, Krebstier- und Weichtiererzeugnissen beachtet.

3. Beschaffenheitsmerkmale

– Aussehen: sauber und sorgfältig hergerichtet, Farbe und Beschaffenheit dem angegebenen Fisch-, Krebstier- oder Weichtiererzeugnis ähnlich
– Struktur: fest, nicht schmierig
– Geruch, Geschmack: rein, dem angegebenen Fisch-, Krebstier- oder Weichtiererzeugnis vergleichbar.

Zum Betrügen gehören - wie so oft - immer zwei. Wobei ich persönlich nicht wirklich einen Betrug erkennen kann, solange die Zutatenliste den gesetzlich vorgeschriebenen Anforderungen entspricht. Daß man die Kennzeichnungsvorschriften ergänzen sollte und beispielsweise auch die während der Produktion eingesetzten Hilfsstoffe auflisten sollte, ist aber ein anderes Thema.

Aber solange viele Verbraucher sich von Werbung, wohlklingenden Namenskombinationen und bunten Bildchen zum Kauf eines Produktes verleiten lassen, ohne die Zutatenliste überhaupt eines Blickes zu würdigen, hält sich mein Mitleid mit angeblich betrogenen Verbrauchern in Grenzen. Hier will ganz offensichtlich jemand mit Heilsversprechen und dem schönen Schein betrogen werden. Das funktioniert ganz prima im Bereich Religion, warum also nicht auch bei Lebensmitteln.

6 Kommentare

  1. SchlemmerMitIdeologie  am 10/7/09 um 16:39

    Hallo

    Wer sich eingehender mit einfachen Ernährungsratschlägen beschäftigen will, dem empfehle ich Michael Pollan und seine Bücher.

    Regel 1: Iss nur, was deine Urgrossmutter auch als Essen auf den ersten Blick erkennen würde (schliesst manche tropische Frucht auch aus, Soja: Nö. etc.)

    Regel 2: Iss nicht zuviel davon. Er sagt: “Eat moderate, mostly plants.”

    Der ganze Rest wie sinnlose Transporte, Nahrungsmittelindustrie staat Handwerk, getäuschte Kunden, zu dicke Kunden, Umweltverschmutzung, Eintönigkeit auf den Äckern etc. fällt da einfach weg. Wär doch was, ja?

    Ausserdem hätte die geliebte Bundesregierung mehr Zeit, sich mit dem Internet, statt mit Subventionen und Konsumentengängelei zu beschäftigen.

  2. henteaser  am 11/7/09 um 00:17

    Aber… aber… Wovon sollen denn die minderjährigen Drittweltbauern leben, wenn nicht von europäischen Ausbeutungslöhnen, erarbeitet auf bundeslandgroßen Monokulturflächen? Soviele Sextouristen gibt es doch gar nicht.

  3. Kreuvf  am 11/7/09 um 13:07

    Herr ZAF, einen ähnlich grottigen Artikel gab es auch mal bei web.de, habe einiges davon dokumentiert und kommentiert. Da web.de aber eine übelst beschissene Seite ist, kriegen die es natürlich auch nicht gebacken, dass URLs länger als nur ein paar Minuten gültig sind. Wobei ich dahinter ja mittlerweile schon Absicht vermute, da man so den Content schön rollieren kann. Merkt eh nicht jeder und mit einem neuen Teaser wird es noch schwerer diese Duplikate zu finden.

  4. Herr Schaf  am 11/7/09 um 13:12

    Das ehemalige Nachrichtenmagazin liest das echte, neue Nachrichtenmagazin: die Surimi-Garnele ist nun Vergangenheit beim Spargel.
    So weit haben Sie es also bereits gebracht, Herr Vorsitzender: die Web-Autoren müssen am Wochenende ran, um das Online-Blatt gegen Ihren Investigativjournalismus zu schützen. Weiter so!

  5. Zenzizenzizenzic Armee Fraktion  am 11/7/09 um 13:39

    Was lesen Sie auch auf web.de, Herr Kreuvf? Der Contentbereich dort dient doch nur zur Bespaßung derjenigen, die dort einen E-Mail-Account haben. Ansonsten verirrt man sich doch nicht auf web.de-Seiten.

    Schön ist aber “Kadaver im Gummibärchen”…das ist ja meine Rede als Ovo-Lakto-Vegetarier, daß die Fleischfresser sowieso immer Kadaver und tote Tierleichen essen. Stört aber keinen. Und mich persönlich auch nicht wirklich, wer’s mag, soll’s essen. Ich möchte aber bitte keine Tierkadaverreste in meinem Essen haben, auch wenn die ggf. mit Säure aufgekocht wurden oder sonstwie gereinigt, filtriert usw. wurden. Ich finde Tierkadaver und daraus gewonnene Produkte widerlich und kaufe deshalb nichts mit Gelatine, Käse oder Molke(nerzeugnissen). Apfelsaft, der nicht Direktsaft ist, wurde u.a. wegen des Gelatineproblems aus den Speisenplan entfernt. Wein ebenso.

    Für ein Nachrichtenmagazin schreibe ich hier viel zu selten, Herr Schaf. In den heutigen Zeiten muß man doch jede Minute mindestens 5 Meldungen raushauen, um die Newsjunkies zu befriedigen. Dementsprechend lesen sich die Meldungen meist auch. Sie wissen schon: Korrektur liest da keiner mehr und Recherchen sind eh nur was für Doofe. Der Qualitätsjournalist weiß per definitionem alles und ist sozusagen omnipotent auf seinem Gebiet und darüber hinaus.

  6. Kreuvf  am 12/7/09 um 11:11

    Ich sag’s mal so: Nur eine sehr kleine Minderheit würde lebende Tiere essen.

    Korrektur liest da keiner mehr und Recherchen sind eh nur was für Doofe. Der Qualitätsjournalist weiß per definitionem alles und ist sozusagen omnipotent auf seinem Gebiet und darüber hinaus.

    “Qualitätsjournalismus” ist doch nur ein Synonym für “Agenturmeldungsjournalismusverbreitung”.

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