Der deutsche “Online-Qualitätsjournalismus”

Anhand einer kurzen Meldung bei sueddeutsche.de ist mir wieder einmal das ganze Dilemma des deutschen “Online-Qualitätsjournalismus” bewußt geworden.

Dort wird das Ergebnis einer Meta-Studie erwähnt. Nur leider erfährt der interessierte Leser kaum wirklich etwas relevantes wie z.B. wer diese Studie in welchem Medium publiziert hat.

Kaffee und Tee können vor Diabetes 2 schützen. Da auch entkoffeinierter Kaffee das Risiko für die Stoffwechselerkrankung senkt, beruht dieser Effekt zumindest nicht nur auf Koffein, wie australische Forscher der Universität Sydney berichten.

Es wird nur nebulös von australische Forscher der Universität Sydney geschrieben. Eine Nennung des Titels der Originalstudie oder gar einen Link zu ebendiesem Artikel sucht man vergebens. Nun ist das zwar kein Problem, mit einer einfachen Suche nach coffee tea diabetes bei news.google.com herauszubekommen, um welche Studie es sich handelt (Coffee, Decaffeinated Coffee, and Tea Consumption in Relation to Incident Type 2 Diabetes Mellitus veröffentlicht von Rachel Huxley et al. in Archives of Internal Medicine (Arch Intern Med. 2009;169[22]:2053-2063)), aber da es sich um das Internet handelt, gibt es keinen Grund, diese Daten seinen Lesern vorzuenthalten.

Ach, halt, ich vergaß, der Leser oder die Leserin könnte ja durch Links verleitet werden, das Angebot unter sueddeutsche.de (oder fast jeder beliebigen anderen Webseite einer Zeitung/Zeitschrift) links liegen zu lassen und dort nicht die werbedurchseuchten Klickstrecken anzuklicken.

Und so wirklich neu ist die Meldung über Tee, Kaffee und Diabetes auch nicht mehr. Bereits am 14. Dezember gab es eine entsprechende Pressemeldung der European Society of Cardiology (ESC), die sich beispielsweise auch über Eurekalert finden läßt.
Und anhand der Pressemeldung erkennt man auch, daß der im Artikel der Süddeutschen erwähnte Lars Ryden sich in Wirklichkeit Lars Rydén schreibt. Quality made in Germany eben.

4 Kommentare

  1. Kreuvf  am 18/12/09 um 17:57

    Herr ZAF, Sie haben vollkommen recht. Es kotzt mich jedes Mal an, wenn auf solchen Billigseiten keine Quelle angegeben wird. Das ist unterste Schublade. Jedes Referat in der Schule (*hust* zumindest in der Oberstufe) muss besser mit Quellen belegt sein als qualitätsjournalistische Online-Artikel. Wobei ich mich nicht erinnern kann, dass in der gedruckten Version der Süddeutschen Zeitung mehr Quellen angegeben sind. Ich weiß schon warum ich diesen Dreck nicht in gedruckter Form beziehe. Ich frage mich allerdings schon seit Jahren, ob ich der einzige bin, der sich an fehlenden Quellen stört. Danke, Herr ZAF, Sie haben mit diesem Beitrag meinem Rätselraten ein Ende gesetzt. xD

  2. Zenzizenzizenzic Armee Fraktion  am 19/12/09 um 08:45

    Nein, Sie sind nicht der einzige Leser, den das stört, Herr Kreuvf.

    Der Hinweis auf ein einfaches Schulreferat ist übrigens prima. Um mal die hohle Phrase zu bemühen…es kann doch nicht sein, daß man als Schüler mehr Sorgfalt walten lassen muß als die sogenannte vierte Macht im Staate.

    Aus Platzgründen könnte ich ja noch nachvollziehen, wenn die Printausgaben derartiger Artikel die eine oder andere Information weglassen, aber zumindest für eine Angabe wie “(Arch Intern Med. 2009;169[22]:2053-2063)” sollte eigentlich immer Platz sein.

    Online ist Platz quasi eh kein Thema, da gibt es dann wirklich keine Entschuldigung fürs Weglassen. Aber sicherlich denkt sich so ein “Journalist”, er sei ganz toll, mega-super-glaubwürdig und aufgrund seiner Gatekeeper-Funktion quasi unfehlbar, also reiche es, wenn er nicht näher auf die Quellen eingeht. Schließlich hat man das auch Jahrzehnte im Printbereich so praktiziert. Warum als umdenken?

  3. GrossartigerMensch  am 19/12/09 um 19:34

    Herr ZAF, so sehr ich ihnen sonst zustimmen muss, finde ich das in diesem Fall weniger schlimm.
    Zum einen ist die Süddeutsche eigentlich eine der letzten, wenn nicht die letzte Zeitung, die noch in größerem Maßstab ernsthaften Journalismus betreiben.
    Dass das da nicht mehr als eine billige, abgeschriebene Agenturmeldung ist, ist offensichtlich. Das ist schade, aber ich denke, man sollte hier nichtmal probieren, von Journalismus zu reden. Im Zweifelsfall gibt es dann die Quelle “dpa”, und die sind für den Rest verantwortlich, auch, wenn sie nicht öffentlich erreichbar sind.

    Das andere, imho viel wichtigere, ist das Selbstverständnis von Zeitungen, das ihr ja erwähnt. Wenn die Quellen hunderte Unterlagen, geheime Informanten etc. sind, was soll man dann angeben [mal von dem unwahrscheinlichen Fall ausgehend, dass wir einen investigativen Journalisten hätten]?

    Dass dieser Artikel unseriös ist, würde ich aber ebenfalls nicht bezweifeln.

  4. Kreuvf  am 20/12/09 um 10:44

    Wenn die Quellen hunderte Unterlagen, geheime Informanten etc. sind, was soll man dann angeben [mal von dem unwahrscheinlichen Fall ausgehend, dass wir einen investigativen Journalisten hätten]?

    Auf Wikileaks hochladen und dann den Wikileaks-Artikel als Quelle angeben.

    Und über so Agenturmeldungen, bei denen dann nur das Agenturkürzel unter dem Artikel steht, habe ich mich erst kürzlich ausgelassen:

    Gut, als Autor steht da jetzt nur „AP“ dran, was natürlich genau nichts über die Gesinnung des Autors verrät, aber ist ja auch kein Qualitätsjournalismus [...].

    Quelle: Ursel aus dem Reich

    Finde das absolut unsinnig, dass gerade bei Agenturmeldungen eben nicht dransteht von wem das kommt. Aber wahrscheinlich will man eben bei den Agenturen nicht, dass man von außen sieht wie wenig Personal da wie viel Meldungen produzieren muss ;)

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